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Gründung

„Als ehemalige Assistenten des Droit allemand der Universität Genf wollen wir eine Gesellschaft gründen für alle, die in Genf studiert, assistiert, gelehrt haben oder es noch tun. Begegnungen „neuer“ und „alter“ Genfer, Vorträge, Tagungen, Gedankenaustausch, Publikationen, Wiedersehen mit Genf ... haben Sie Interesse?“

Diese zaghafte Frage, die Dr. Eltje Aderhold (Assistentin bei Prof. Dr. Hans Hanisch von 1988-1990) in einem Rundschreiben gegen Ende des Jahres 1991 an ehemalige „Genfer“ richtete, brachte einen Stein ins Rollen. Die Resonanz war riesengroß. Die Idee, eine „Genf-Gesellschaft“ als wissenschaftliche Vereinigung und als Forum Ehemaliger zu gründen, kam so gut an, dass die Pläne rasch in die Tat umgesetzt werden konnten: Am 24. Oktober 1992 fanden sich in den Räumen des Auswärtigen Amtes in Bonn etwa fünfzig Gründungsmitglieder ein und riefen die „Genf-Gesellschaft e.V. – Vereinigung für juristische Studien“ ins Leben. Über Pfingsten 1993 hatten wir mit weit über hundert Ehemaligen aus fast allen Jahrgängen unsere erste festliche Zusammenkunft in Genf, mit einer Ansprache des Doyens der faculté de droit, einem Festvortrag von Herrn Prof. Dr. Walther J. Habscheid zum Thema "Schiedsgerichtsbarkeit in Deutschland und der Schweiz" sowie einem weiteren von Herrn Prof. Dr. Wernhard Möschel zum Thema "Europäische Integration am Wendepunkt". Abgerundet wurde dieses Ereignis durch einen rauschenden Ball im alterwürdigen direkt am See gelegenenen Hotel des Berques.

Ziele

Die Genf-Gesellschaft will deutlich mehr als ein Ehemaligen-Verein sein, der sich zu geselligen Veranstaltungen trifft. Sie ähnelt eher einem Alumni-Club amerikanischen Vorbilds. Natürlich soll die Gesellschaft auch ein Forum für Ehemalige sein, die den Kontakt untereinander und zur Universität Genf erhalten und pflegen wollen. Der eben angesprochene Ball im Hotel des Berques findet aus diesem Grunde, wie auch seiner Brückenfunktion zwischen den Generationen wegen, regelmäßig alle zwei Jahre statt.

Das wichtigste Ziel ist vielmehr ein anderes: Genf ist bekanntlich der Sitz vieler internationaler Organisationen wie z.B. der Vereinten Nationen, der Welthandelsorgansation, der Weltarbeitsorgansiation oder der Weltgesundheitsorganisation. In diesem einzigartigen kosmopolitischen Umfeld kann der deutsche Student schon in einem frühen Ausbildungsstadium seine Kenntnisse über das nationale Recht hinaus erweitern, erste Grundlagen für vergleichend-kritisches Rechtsdenken legen und in Gestalt des neu geschaffenen Zertifikats im transnationalen Recht eine berufliche Qualifikation erlangen, die über die üblichen nationalen Ausbildungsinhalte hinausreicht. Dieses Anliegen, welches heute aktueller denn je ist, unterstützt die Genf-Gesellschaft mit aller Kraft. Wir möchten daher an der Universität Genf präsent sein, guten Kontakt zu den Schweizer Kollegen halten und bei ihnen ständig das Bewusstsein aufrechterhalten, wie wertvoll die alte Tradition der Lehre des deutschen Rechts in Genf ist. Selbstverständlich freuen wir uns über jeden, welcher dem Verein beitreten will.

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Chronik - „Post tenebras lux“

400 Jahre Studium des deutschen Rechts in Genf

Mit der „Unité de droit allemand“ besitzt die Universität Genf eine einzigartige Institution: Sie erlaubt deutschen Studenten, die Vorzüge eines Auslandsstudiums mit der Fortsetzung ihres Studiums im deutschen Recht zu verbinden, so dass sie frühzeitig die Möglichkeit erhalten, Erfahrungen im Umgang mit einer fremden Rechtsordnung zu sammeln. Dass es sich hierbei nicht um eine Einrichtung neueren Datums handelt, die erst durch das Zusammenrücken der Staaten in Mitteleuropa während der letzten Jahrzehnte zustande gekommen ist, sondern die Geschichte Deutsch-Genfer Juristenausbildung auf eine fast 400-jährige Tradition zurückblickt, möchte diese kleine Chronik anhand weniger Stichworte aufzeigen.

Die Ursprünge der Genfer Universität reichen wie bei vielen Institutio nen in der Stadt am Lac Léman in die Zeit Jean Calvins (1509 - 1564). Während der Hochphase seiner theokratischen Herrschaft gründete er im Juni des Jahres 1559 das „Collège et Académie de Genève“, gelegen unweit des heutigen Palais de Justice an der Place du Bourg-de-Four. Zum ersten Direktor ernannte Calvin seinen Freund Theodore de Bèze (1519-1605). Geplant war die Académie zunächst nur als Bildungsstätte des calvinistischen-protestantischen Klerus; bereits zehn Jahre nach der Gründung wurde neben dem Studienbereich der Theologie aber auch ein juristischer Lehrstuhl eingerichtet.

Der Ruf von Genf als Hauptstadt des Protestantismus in Europa zog im 16. und 17. Jahrhundert insbesondere Adlige aus protestantischen Fürstentümern des deutschen Reiches an die Akademie Calvins. Die Bedeutung des römischen Rechts und dessen subsidiäre Geltung für das Zivilrecht in ganz Mitteleuropa erleichterte diesen Schritt, da der Schwerpunkt des juristischen Studiums zu jener Zeit noch in der Kommentierung und Aufarbeitung des Corpus iuris lag. Die Genfer Fakultät öffnete sich sehr früh aber auch neuen Rechtsströmungen, insbesondere dem Naturrecht am Ende des 16. Jahrhunderts. Die Disziplin der Rechtsvergleichung beschränkte sich auf das Verwaltungsrecht, dessen Unterric htung an der Académie aufgrund des von Calvin geschaffenen modernen Genfer Verwaltungsapparats in ganz Europa hohes Ansehen genoss. Wer im 16. und 17. Jahrhundert in Genf studiert hatte, besaß in der Regel besseren Zugang zu Ämtern in der Verwaltung des eigenen Landes.

Wie auch heute rührte der gute Ruf der Genfer Universität in den Anfangsjahren von der Qualität ihrer Professoren her. Bei den deutschen Juristen, die zunächst alle als Honorarprofessoren tätig waren, handelte es sich oft um Persönlichkeiten, die ihrer Heimat aus politischen Gründen den Rücken gekehrt hatten. So floh der erste deutsche Professor, Johann Steinberg (geb. 1592 in Görlitz) vor den Wirren des Dreißigjährigen Krieges 1621 nach Genf, um dort als juristischer Privatlehrer für seine Landsleute tätig zu werden. 1638 erhielt er dann einen Ruf als Honorarprofessor an die Universität, die er aber bald wieder zugunsten eines Lehrstuhles an der Universität Groningen verließ. Zwei weitere Honorarprofessoren für deutsches Recht – André Wengen aus St. Gallen und Philipp A. Oldenburger – wurden 1672 eingestellt.

Der bekannteste deutsche Professor des 18. Jahrhunderts war Karl Friedrich Necker aus der Mark Brandenburg. Der Vater des berühmten Finanzministers unter Louis XVI. Jacques Necker und Großvater der später im Schloss in Coppet residierenden Madame de Stael hatte nach Abschluss seines Jurastudiums eine Tätigkeit beim englischen Botschafter in Genf angenommen und blieb auch nach Beendigung seiner Dienste in der Stadt. Er heiratete eine Genferin und wurde 1724 Privatdozent für deutsches Recht.

Das Verblassen der Ideenwelt Calvins und das Entstehen national geprägter Rechtsordnungen führte dazu, dass die Zahl der deutschen Jurastudenten im Verlauf des 18. und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich abnahm. Dies änderte sich erst, als nach dem Bau des heutigen Universitätshauptgebäudes im Jahre 1872 – finanziert aus dem Nachlass des Herzogs von Braunschweig – auch ein neues juristisches Lehrprogramm geschaffen wurde. Bereits 1885 kamen 19 deutsche Studenten auf 18 Schweizer und 29 andere Ausländer, im Jahre 1894 erhöhte sich die Zahl der an der juristischen Fakultät immatrikulierten Deutschen sogar auf über 50 gegenüber 33 Schweizern und 31 anderen Ausländern.

Die Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches in Deutschland veränderte dann zu Beginn dieses Jahrhunderts auch das Vorlesungsangebot der Genfer Fakultät. Neben Römischem Recht, Rechtsgeschichte und Völkerrecht wurden bald die ersten Vorträge über den Allgemeinen Teil des BGB, das Schuldrecht und das Familienrecht angeboten. Nachdem in den Jahren 1904 und 1906 zwei weitere Lehrstühle für deutsches Recht eingerichtet wurden, gab es bald für alle fünf Bücher des BGB je eine Professur, für römisches Recht sogar drei. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges bereitete jedoch diesem ersten Höhepunkt deutschen Rechtslebens ein abruptes Ende; 1916 wurde die Unterrichtung des deutschen Rechts sogar ganz aufgegeben. Es vergingen zehn Jahre, bis die langjährige Tradition der Lehre des deutschen Rechts in Genf wieder aufgenommen wurde. Die Zahl der Jurastudenten aus Deutschland erhöhte sich dann aber rasch: Im Sommersemester 1928 waren es gar 194 Deutsche, die sich an der Genfer Universität immatrikulierten. Die Auswirkungen der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und des zweiten Weltkrieges senkten die Zahl der eingeschriebenen Studenten abermals drastisch (Sommersemester 1939; 81, Sommersemester 1940: 11 Studenten). Zudem warfen Agitationen der nationalsozialistischen Hochschulgruppe „Deutsche Studentenschaft der Schweiz“ gegen jüdische Professoren ein dunkles Licht auf die sonst so positiven Beziehungen zwischen Deutschen und der Genfer Universität. Der Persönlichkeit von Erich Hans Kaden (1898 – 1973) ist es zu verdanken, dass der Lehrbetrieb für die wenigen deutschen Studenten in jener Zeit aufrechterhalten werden konnte. Kaden, 1925 als Professor für deutsches Zivilrecht und Römisches Recht nach Genf gekommen, blieb der Lehre des deutsche Rechts bis zu seinem Lebensende verbunden und hielt erst im Wintersemester 1971/72 seine letzte Vorlesung.

Mit der Wiedereinrichtung von zweieinhalb Professorenstellen für deutsches Recht gegen Ende der fünfziger Jahre begann die bisher letzte Etappe in der 400-jährigen Chronik Deutsch-Genfer Juristenbeziehung. Walther Habscheid und Ernst Schönle formten als erste Lehrstuhlinhaber die Unité in ihrer heutigen Gestalt. Die Schwerpunkte auf dem Lehrplan für deutsches Recht waren Bürgerliches Recht, Handelsrecht und Zivilprozessrecht, hinzugekommen sind das Internationale Privatrecht und die Rechtsvergleichung, deren Bedeutung bei einer fortschreitenden „Internationalisierung des Rechts“ bekanntlich immer stärker zunimmt.

Professorenpersönlichkeiten wie Adolf Schnitzer (1889–1989), Walther Habscheid, Hans Hanisch, Horst Kaufmann, Herbert Schönle, Bernd Stauder, Rolf Stürner, Gerhard Walther und Michael R. Will prägten bzw. prägen weiterhin den Lehrbetrieb des deutschen Rechts in Genf.

Wie vor 400 Jahren bleibt es Hauptanliegen der Unité de droit allemand, für Toleranz und Verständnis im Umgang mit fremden Rechtsordnungen zu werben. Denn die Deutsch-Genfer Juristenausbildung bietet ein lebendiges Beispiel für die gemeinsamen Wurzeln des europäischen Rechts, das erst heute wieder zu einer einheitlichen Rechtsentwicklung zurückfindet. Diese Gedanken auch an kommende Studentengenerationen weiterzugeben, ist Aufgabe für die nächsten Jahrzehnte.

Hendrik Schindler

 
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